John Mandeville will im 14. Jahrhundert in Palästina gewesen sein und hat nach seiner glücklichen Rückkehr einen Bestseller über seine Reise verfasst. Viele Schilderungen sind zumindest fragwürdig, anderes offenbar frei erfunden. Dann gibt es wieder Passagen, in denen der Autor erstaunlich sachlich wird und in nüchternen Worten dem Leser reine Informationen an die Hand gibt – zum Beispiel über den Islam.
Warum ich geneigt bin, Mandevilles Urteil größeres Gewicht einzuräumen, als unseren zeitgenössischen "Islamexperten"? Weil es im Mittelalter noch keine political correctness gab und es nicht als notwendig erachtet wurde, sämtliche Segnungen der Menschheitsgeschichte auf den Islam und die Araber zurückzuführen – auch wenn es hinten und vorne nicht stimmt. Nun hat aber Mandeville das Wort:
Nachdem ich nun die Sarazenen erwähnt habe, will ich euch von ihrem Glauben erzählen, wie er in ihren Büchern beschrieben ist, die Mohammed ihnen gegeben hat. Ihr Buch heißt Koran, etliche nennen es Mescolen, etliche Armen, je nach Dialekt und Sprache. Auch ich habe dieses Buch gesehen. In ihm steht geschrieben, dass die Guten ins Paradies kommen, die Bösen aber in die Hölle hinabfahren – das glauben auch alle anderen Heiden. Wenn man sie fragt, was das Paradies sei, sagen sie eine Stätte der Wollust, wo man vielerlei Frucht zu aller Zeit findet und wo Flüsse aus Milch und Honig fließen. Dort gibt es die schönsten Paläste, die man sich denken kann, und jeder darf in einem Palast wohnen. Alle haben Weiber, die noch Jungfrauen sind, und sie bleiben es auch, obwohl sie alle Tage mit ihnen zu tun haben.
Auch sollt ihr wissen, dass sie gerne von unserer Frau erzählen hören. Sie sagen, dass Maria dem Engel begegnete, dass er ihr verkündete, sie solle schwanger werden von dem Heiligen Geist, und dass sie ein Kind gebären und dennoch nach der Geburt Jungfrau bleiben solle. Das steht so in ihrem Koran.
Auch steht in diesem Buch, dass Jesus Christus ein heiliges Kind, ein heiliger Prophet und ein gerechter Mann war. Sie glauben, dass unsere Frau nach der Verkündigung des Engels voller Angst war, da sie befürchtete, der Engel wolle sie betrügen. Denn es gab in diesem Land einen Zauberer namens Talenya, und sie meinte, derselbe wolle sie verzaubern. Da beschwor sie den Engel und er sprach, sie solle sich nicht fürchten, denn er sei ein wahrer Bote Gottes. So steht es in ihrem Buch.
Desgleichen sagt ihr Buch, dass unsere Frau, nachdem das Kind in der Krippe, bei Ochse und Esel, lag, sich schämte und weinte und am liebsten sterben wollte. Da sprach das Kind alsbald und tröstete sie: „Mutter, erschrick nicht, denn Gott ist mit dir, der die Welt beschützt.“
An anderer Stelle steht in ihrem Buch, dass unser Herr redete, sobald er geboren war. Es steht dort auch geschrieben, dass Jesus vom allmächtigen Gott als Zeichen für alle Menschen geschickt wurde. Und dass am Jüngsten Tag Gott alle Menschen richten werde: Die Guten dürfen bei ihm bleiben, die Bösen seien verdammt und kämen in die Hölle.
Es heißt dort weiter, dass Jesus der größte aller Propheten sei, dass er nie sündigte und Gutes lehrte. Dass er die Blinden sehend machte, die Lahmen gehen ließ und die Toten auferweckte. Auch steht in ihren Bücher die frohe Botschaft: „Der Engel Gabriel wurde geschickt.“ Ihre Gelehrten halten das Evangelium in großen Ehren und sprechen es auch in ihren Gebeten mit großer Andacht.
Einen Monat im Jahr fasten sie und essen nichts, bis es Nacht wird. Auch haben sie mit ihren Weibern den ganzen Monat nichts zu schaffen. Die Kranken müssen aber nicht fasten.
Ihr Buch sagt, dass die Juden böse seien, weil sie nicht an Jesus und Maria glauben. Nach ihrem Buch wurde aber Jesus nicht gekreuzigt und fuhr auch nicht gen Himmel. Sie sagen, ein anderer wurde an seiner Stelle gekreuzigt, der sich in seine Gestalt verwandelt habe: Es sei Judas Ischariot gewesen, der von den Juden getötet wurde.
Sie meinen, die Christen hätten einen falschen Glauben, weil sie sagen, dass Jesus getötet wurde, der doch unserem Herrn ein guter Freund war. Und sie sagen, unser Herr könne kein gerechter Richter sein, wenn dies wahr wäre, weil Jesus unschuldig war und nie eine Bosheit begangen hatte. Wir irren ihrer Meinung nach in unserem Glauben, denn die Gerechtigkeit Gottes habe dies große Unglück verhindern müssen.
Sie sagen, die Evangelien seien wahre und gute Lehren. Maria war auch nach ihrer Auffassung eine heilige Jungfrau vor und nach der Geburt. Und daher sind sie leicht zu bekehren, da sie vieles glauben, was auch wir glauben. Wenn man ihnen erzählt von Jerusalem und Jesus Christus und ihnen die Propheten auslegt, so hören sie dies gern und sagen, dass Mohammeds Glaube wie der Juden Glaube vergehen werde, doch der Glaube der Christen werden die Zeiten überdauern.
Wenn man sie fragt, woran sie glauben, so sagen sie: „An Gott, der Himmel und Erde und alle Dinge geschaffen hat, und an den Jüngsten Tag, an dem ein jeder den Lohn bekommt, den er verdient hat. Und dass Gott gesprochen hat durch der Propheten Mund.“
Mohammed gebietet in seinem Buch, dass sie zwei, drei oder vier Weiber nehmen sollen. Sie nehmen aber bis zu neun Weiber und Kebsweiber, so viele sie wollen. Und wenn dem Mann eines der Weiber nicht gefällt, so kann er sie aus dem Haus jagen und ein anderes nehmen. Aber er muss ihr etwas mitgeben.
Wenn man mit ihnen über den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist redet, sagen sie, es seien drei Personen und nicht ein Gott, denn ihr Koran sagt nichts über die heilige Dreifaltigkeit. Auch wenn man sagt, Gott habe durch Jesus zu ihnen gesprochen, antworten sie, sie wüssten wohl, dass er zu ihnen gesprochen habe, sonst sei er nicht ihr Gott.
Wenn man zu ihnen sagt, dass der Sohn Gottes auf sein Wort hin von Maria geboren wurde, wie es der Engel verkündet habe, und dass wegen dieses einen Wortes alle Welt auferstehen werde und vor Gericht stehen müsse – so erwidern sie, es sei wahr, dass dem Wort Gottes niemand widerstehen kann. Denn der Stärke der Worte Gottes könne sich keiner widersetzen. So steht es im Koran.
Auch sagen sie, Abraham sei Gottes Freund gewesen, und Moses sein Prophet, Jesus war Gottes Wort und Mohammed sein Bote. Von den vieren aber sei Jesus der Würdigste und Höchste.
Auch kennen sie die Bibel in ihrer Schrift und die Prophezeiungen, sie verstehen sie aber anders als wir.
Nun will ich sagen, warum die Sarazenen meinen, die Juden und Christen seien böse. Die Juden, so sagen sie, seien böse, weil sie die Gebote, die Gott ihnen durch Moses gegeben hatte, gebrochen haben. Und die Christen sind böse, da sie die Gebote der Evangelien nicht befolgen.